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Die Leiden des jungen J. 2 - ralf kopp - www.ralfkopp.com - videokunst

Ein Mann hängt an einem unsichtbaren Kreuz. Im Hintergrund sieht man Bäume und den Himmel. Der Videofilm, welcher auf jedem, der einzeln angeordneten Bildschirme lediglich Ausschnitte und eine Zerlegung eines Körpers dokumentiert, zeigt ein verkrampftes Zappeln der Zehen und Finger der gefilmten Figur. Kreuzigungsnägel in Händen und Füßen, wie auch das Blut aus den Wunden, bleiben uns erspart. Auf dem oberen Bildschirm ist ein Teil des Hauptes der Figur und seine in Bewegung befindliche Stirn erkennbar. Insgesamt sechs räumlich voneinander getrennte, aber mit Kabeln verbundene Bildschirme, sind im Leidens-Symbol des Christentums angeordnet und stellen ein postmodernes Kreuz dar, ohne das traditionelle Holzkreuz, den Marterpfahl, das Folterinstrument einer weltweiten Glaubensgemeinschaft zu strapazieren.
Vielmehr schwebt der Gekreuzigte auf dem Screenplay, als würde er das Holzkreuz nicht mehr brauchen, weil es als Sinnbild in unsere Vorstellung eingebrannt ist, wie ein heißes Eisen im schwelenden Fleisch. Jeder Bildschirm spiegelt einen lebendigen Körperteil des Gekreuzigten wieder. Der Titel dieser Video-Installation heißt "Die Leiden des jungen J.", zitiert hiermit Goethes, dem aus unerfüllter Liebe dem Freitod anheim gefallenen "Werther", und transferiert den Sohn Gottes in die High-Tech-Auferstehung einer ent-spiritualisierten (und lieblosen?) Zeit. Eine von Flachbildschirmen geprägte Ära der Menschheit, mit neu belebten Illusionen, die filmische Endlosschleifen wiederholen. Der moderne Jesus zappelt noch immer und wird es noch lange tun müssen, weil global das "Auge um Auge" und "das Zahn um Zahn" noch immer dem "Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, so halte ihm auch die Linke hin", nicht gewichen ist. Der Videokünstler Ralf Kopp zeigt uns tiefsinnig die Nichtveränderung auf, welche gleichermaßen subtil und provokant auf uns wirkt. Die Verabsäumung, dem Aufruf nach Vergebung und Verhaltensänderung Folge zu leisten. Könnte man damit aufhören sich gegenseitig zu erschlagen, würden sich die ewig wiederholende Zelebration des Leidens und das Kreuz als Bildnis der Mahnung erübrigen.

(c) Text Florinda Ke Sophie, Graz 2009

www.videokun.st

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Kommentar

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Kommentar von Sven Teuber am 2. Mai 2010 um 9:07pm
Ein Aufruf zum nachdenken.
Wo kann man sich die Installation von Ralf Kopp anschauen?

Gruß Sven
Kommentar von Petra / www.muellewitsch.de am 19. April 2010 um 1:24pm
cool! Gefällt mir sehr gut

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